Wir können auf einer tiefen Ebene längst von unserer Unversehrtheit und Ganzheit wissen und uns dennoch manchmal fürchten. Denn nicht alle Teile in uns reifen zur gleichen Zeit. Wir können uns dabei noch so spirituell gereift fühlen und dennoch nicht wirklich weiterkommen. Bei genauerem Hinsehen erkennen wir dann, dass manche Aspekte noch an alten Erfahrungen festhalten, Sicherheit suchen und Gefahren erwarten, obwohl wir längst spüren, dass das Leben etwas anderes mit uns vorhat.
Wie wir diesen sorgenvollen Anteilen begegnen können, damit auch sie nach und nach in die Freiheit finden und unser ganzes Wesen aufatmen kann.

Manchmal sitzen wir mit inneren Anteilen so lange in der Angst, dass wir uns ein anderes Leben gar nicht mehr vorstellen können. Angst kann für uns über lange Zeit wie eine vertraute Wirklichkeit erscheinen, auch wenn sie uns vordergründig nicht als Angst begegnet.
Wir kennen diesen Zustand. Wir kennen die Gedanken, die ihn aufrechterhalten, die Bilder von dem, was passieren könnte, und die Vorstellung, irgendwo lauere Gefahr. Doch spirituell betrachtet gibt es keine wirkliche Gefahr und keinen tatsächlichen Grund zu Angst.
Die Angst ist nicht deshalb da, weil etwas Bedrohliches wahr wäre, sondern weil der menschliche Geist sich mit einer Illusion identifiziert hat. Und selbst wenn wir auf einer tieferen, reiferen Ebene längst wissen: Es gibt nichts zu fürchten!, kann in uns noch ein Teil an dieser alten Wahrnehmung festhalten. Er hält an ihr fest, weil sie ihm vertraut ist und weil er die Wahrheit noch nicht vollständig angenommen hat.

So kann es geschehen, dass wir innerlich längst weiter sind und dennoch immer wieder in alte Gefühle, Sorgen und Befürchtungen zurückkehren. Manchmal zeigt sich das ganz subtil: als Gefühl, nur mit angezogener Handbremse durchs Leben zu gehen, sich nicht ganz auf das Leben einzulassen oder innerlich ständig auf den Moment zu warten, in dem doch noch etwas passieren könnte.
Auf einer tiefen Ebene wissen wir um unsere Heiligkeit, während andere Anteile von uns durch die Erfahrungen des Lebens geprägt wurden und weiterhin an diesen Geschichten festhalten. Diese Anteile können so tief in den Schatten gedrängt worden sein, dass selbst die bereits strahlenden Fragmente in ihrer eigenen Begrenztheit nicht mehr wahrnehmen, dass da noch etwas zurückgelassen wurde.
Wir können uns also innerlich längst frei, bewusst und erwacht erleben und dabei übersehen, dass ein Teil unseres Systems noch immer in einer alten Wirklichkeit verharrt. Doch solange auch dieser Teil nicht ans Licht kommen und in das Bewusstsein zurückkehren darf, bleibt unsere Befreiung partiell.
Die Konsequenz aus dieser Fragmentierung zeigt sich dann oft nur in subtilen Erlebnissen. Mal deutlicher, mal kaum wahrnehmbar: in einer inneren Zurückhaltung, einem unerklärlichen Zögern, einer Angst, die scheinbar keinen Grund mehr hat, oder in dem Gefühl, uns dem Leben noch nicht ganz anvertrauen zu können.

Wir müssen den ängstlichen Anteil nicht davon überzeugen, dass seine Angst irrational sei. Wir müssen auch nicht möglichst schnell spirituell über sie hinauswachsen. Wir dürfen geduldig verstehen lernen, warum dieser verängstigte Anteil so lange wachsam war. Und wir brauchen es ihm auch nicht übelnehmen, dass er immer noch mit dem Schlimmsten rechnet. Dann begreifen wir auch, warum er sich immer tiefer in die Schatten zurückzog, während der Rest von uns sich mit großer Sehnsucht zunehmend dem Licht zugewandt hat.
Denn auch unsere Angst ist einmal aus dem Versuch entstanden, uns zu schützen. Und auch nach all dem Wachstum und der Hinwendung zum Licht wittert dieser furchtsame Aspekt einen Haken.
Wenn wir beginnen, diesen Anteil in unserem Stolz nicht länger aus unserem Bewusstsein zu verdrängen, sondern ihm wirklich zuzuhören, entsteht etwas Entscheidendes: Er muss seine Aufgabe nicht mehr allein erfüllen.
Gemeinsam können wir entdecken, dass es heute andere Möglichkeiten gibt. Dass wir erwachsen geworden sind. Dass wir unterscheiden können. Dass wir fühlen können, ohne sofort handeln zu müssen. Dass wir bleiben können, auch wenn etwas ungewiss ist. Und dass wir heute über Ressourcen verfügen, die uns damals noch nicht zur Verfügung standen.
Das ist für uns ein wesentlicher Schritt auf dem Weg in die innere Freiheit:
Nicht die Angst loszuwerden, sondern den Teil von uns, der Angst hat, aus dem Schatten zu holen und ihm Gehör und Aufmerksam schenken. Wenn er von uns wirklich gehört wird, muss er nicht mehr auf subtile Art das gesamte System bremsen. Und wer weiß, vielleicht gibt es etwas, das er auch den lichten Aspekten noch beibringen kann. Wenn seine Existenz unbestreitbar ist, hat er also auch etwas zu sagen.
Mit der Zeit werden alle Anteile erfahren, dass Freiheit nicht bedeutet, dass niemals wieder etwas Bedrohliches geschieht. Freiheit bedeutet, dass wir uns selbst auch dann nicht mehr verlieren, wenn das Leben uns mit Ungewissheit konfrontiert. Ob das nun im Außen mit widrigen Umständen einhergeht oder Innen mit energetischen Disharmonien.
Und irgendwann beginnt unser System, das so lange auf der Hut war, aufzuerstehen. Und wir dürfen aufatmen.

Wie köstlich ist eine Freiheit, die nicht darin besteht, dass all unsere Bedürfnisse erfüllt sind, sondern darin, dass unser inneres Wohl nicht länger von ihrer Erfüllung abhängt.
Alexander Gosztonyi beschreibt Freiheit nicht als die Möglichkeit, alles zu bekommen, was wir wollen. Echte Freiheit beginnt für ihn dort, wo wir nicht mehr darauf angewiesen sind, dass die Welt uns durch die Befriedigung gewisser Bedürfnisse einen bestimmten inneren Zustand verschafft.
Wir dürfen dann Liebe empfangen und zugleich spüren, dass sie längst in uns wohnt. Wir dürfen erleben, wie Bestätigung zu einer liebevollen Kommunikation beiträgt, während unser eigener Wert ganz selbstverständlich mit am Tisch sitzt. Freude ist es, aus der wir Besitz, Erfolg und Kreativität schöpfen und kein innerer Notfallplan.
Das bedeutet nicht, dass wir keine Wünsche mehr haben. Es bedeutet, dass unser Frieden nicht länger von ihrer Erfüllung abhängt.
Dann erkennen wir auch, dass unsere ängstlichen Anteile nicht mehr unablässig nach äußerer Sicherheit suchen müssen, weil in uns etwas entstanden ist, das nicht von den wechselnden Umständen des Lebens abhängig ist. Und falls doch, darf sich dieser ängstliche Anteil ganz vertrauensvoll zeigen. Und wird gehört. Denn diese neue Freiheit muss nicht gegen die innere und äußere Welt erkämpft werden.
Wir erleben die Freiheit, nicht alles unter Kontrolle haben zu müssen. Und damit auch die Freiheit, nicht mehr von allem kontrolliert zu werden.
Wir können weiterhin lieben, hoffen, gestalten und uns berühren lassen. Aber wir müssen nicht mehr aus dem Leben herauspressen, was uns innerlich tragen soll. Wir dürfen dann auch empfangen, ohne abhängig zu werden und können Verluste erltragen, ohne uns selbst zu verlieren. Wir erleben dann eine süße Sehnsucht, ohne unsere Ganzheit an ihre Erfüllung zu knüpfen.

Dieser Frieden tritt nicht erst ein, wenn alle inneren Anteile beruhigt sind, sondern wird zur Hintergrundmelodie unseres Seins.
Und hier finden wir eine tiefe Form von Heilung. Wir versuchen nicht länger durch Bedürfnisbefriedigung einen Frieden herzustellen, der in Wahrheit aus uns selbst geboren werden möchte.
Aus dieser inneren Reife verändert sich auch unser Verhältnis zur Fülle. Äußere Fülle entsteht nicht allein dadurch, dass wir mehr erreichen, besitzen oder kontrollieren. Sie wird möglich, wenn wir innerlich weit genug werden, um das Leben nicht länger aus alten Routinen heraus zu begrenzen.
Die ängstlichen Anteile in uns halten oft am Vertrauten fest, selbst wenn es uns längst nicht mehr entspricht. Sie fürchten den offenen Raum, weil sie ihn nicht kennen. Doch wenn wir ihnen mit Geduld begegnen und ihnen zeigen, dass wir heute anders mit Unsicherheit umgehen können, wächst in uns die Fähigkeit, über die bisherigen Grenzen hinauszutreten.
So wird Fülle zu einem Ausdruck unseres inneren Wachstums. Je friedvoller wir in den Fluss des Lebens treten, desto weniger müssen wir alles erzwingen, absichern und kontrollieren. Wir handeln weiterhin, wir treffen Entscheidungen und übernehmen Verantwortung. Doch wir tun es nicht mehr aus dem Gefühl, dass unser Überleben von jedem einzelnen Ergebnis abhängt. Wir lassen zu, dass sich Möglichkeiten zeigen, die wir aus Angst vielleicht nie hätten erkennen können.
Dann wird aus dem Wissen um Freiheit ein Erleben.
Und aus diesem Erleben jene stille, tiefe Freude, die nicht entsteht, weil endlich alles so ist, wie wir es brauchen, sondern weil wir in uns selbst einen Ort gefunden haben, von dem aus wir empfangen und gestalten können.


