Spontanität löst Identität.

Spontanität erlöst Identität.

Spontanität als Ausdruck unseres Wesens.

Wir denken bei Spontanität oft daran, etwas unmittelbar zu tun, ohne lange darüber nachzudenken. Dabei kann Spontanität eine viel tiefere Bedeutung haben. Sandra Maitri verbindet sie mit unserem ursprünglichen Kontakt zu unserem Wesen und damit mit der Frage, wie sich unser Sein überhaupt ausdrückt.

Im Folgenden geht es darum, wie der Verlust unseres unmittelbaren Kontakts zur Essenz zur Entwicklung unserer Persönlichkeit führt und wie diese wiederum unseren Ausdruck prägt. Wir schauen darauf, was Spontanität im Sinne Maitris tatsächlich bedeutet und wie wir dort, wo wir aufhören, die entstandenen Leerstellen vorschnell zu füllen, wieder in einen unmittelbaren Kontakt mit unserem Wesen finden können.

Kontaktverlust.

Im Verständnis des Enneagramms, wie Maitri es beschreibt, verlieren wir diesen unmittelbaren Kontakt zur Essenz sehr früh. Bereits in der Kindheit, in der wir uns an unsere Umgebung anpassen müssen, beginnt sich dieser Bruch zu vollziehen. Unterstützt wird dieser Kontaktverlust durch die Tatsache, dass der wahre Kern unseres Selbst von unserer Umgebung zunehmend weniger Ansprache und Beachtung findet. Je nach Enneatyp betrifft dieser Verlust einen bestimmten Aspekt unseres ursprünglichen Seins besonders stark. Es entstehen gewissermaßen Löcher. Damit sind Bereiche gemeint, in denen wir nicht mehr direkt aus der Essenz heraus wahrnehmen und reagieren können.

Persönlichkeit als innere kompensatorische Bewegung.

Im Alltag handeln wir dann meist aus Strukturen heraus, die sich an genau diesen Bruchstellen gebildet haben. Sie sind aus dem Versuch entstanden, die beängstigende Leere zu füllen, welche aus dem Kontaktverlust zur Essenz entstanden ist. Sie dienen uns in erster Linie dazu, die verlorene Ganzheit wieder erfahrbar zu machen. Je nach Enneatyp zeigen sich dabei unterschiedliche Muster, die jeweils mit dem Verlust eines bestimmten Aspekts zusammenhängen. Vieles geschieht in der Folge aus eingeübten inneren kompensatorischen Bewegungen, die sich im Laufe der Zeit verfestigt haben. Wir sprechen, handeln, fühlen und bewegen uns dann aus einem Repertoire heraus, das sich in Reaktion auf diese ursprünglichen Unterbrechungen gebildet hat.

Mit der Entwicklung der Persönlichkeit entsteht eine Art von interner Organisation. Wir lernen, uns über spezifisch interpretierte Erfahrungen und dazugehörige Rückmeldungen zu orientieren. Wir entwickeln in dieser Anpassungsleistung ein Bild davon, wer wir sind, und stabilisieren damit etwas, das die ursprüngliche Direktheit des Erlebens ersetzt. Diese so entstandene Struktur ist nicht zufällig, sondern folgt einer inneren Logik: Sie füllt die Stellen, an denen der unmittelbare Kontakt zur Essenz nicht mehr verfügbar ist, mit etwas, das Orientierung und Kontinuität ermöglicht.

So entsteht zwischen dem, was in uns auftaucht, und dem, was wir ausdrücken, eine zunehmende Vermittlung. Ein Impuls wird nicht einfach gelebt, sondern durch die gewachsene Struktur hindurch organisiert. Ein Gefühl wird gleichermaßen in vertraute Reaktionsmuster übersetzt. Eine Wahrnehmung wird entsprechend sofort in eine Bedeutung überführt, die zu unserem Selbstbild passt. Schließlich erleben wir die Welt nicht mehr direkt, sondern durch die Art, wie wir sie innerlich bereits geordnet haben.

Die Persönlichkeit ist eine Form von Anpassung, die Stabilität schafft, wo direkter Kontakt zum tatsächlichen Sein nicht mehr durchgängig verfügbar ist. Die Essenz hingegen ist nicht organisiert, sondern unmittelbar. Sie reagiert nicht auf ein Bild von uns selbst oder dem Sein als solchem, sondern auf das, was tatsächlich ist. Und allem voran ist sie nicht tatsächlich verloren, sondern nur überlagert von dem, was die Persönlichkeit als Handreichung bietet.

Wenn wir beginnen, uns selbst aus diesen Ersatzstrukturen heraus zu erleben, handeln wir so, wie wir gelernt haben, uns zu verhalten. Und das halten wir dann für unseren unverfälschten Ausdruck. Obacht! Selbst das Streben nach Authentizität kann sich innerhalb dieser Struktur bewegen: Wir versuchen dann, echt zu sein, und orientieren uns dabei an einer Vorstellung davon, wie Echtheit aussehen müsste. Damit entfernen wir uns jedoch gerade von jener Spontanität, die wir als unmittelbare Reaktion auf das Sein erleben könnten.

Spontanität im Sinne Maitris bedeutet nicht, impulsiv zu reagieren oder ungefiltert allem zu folgen, was in uns auftaucht. Auch Impulse können aus alten Mustern entstehen und sind dann Teil der Persönlichkeitsebene. Entscheidend ist vielmehr, ob ein Kontakt zur unmittelbaren Erfahrung vorhanden ist, bevor etwas in eine Reaktion übergeht. Ob wir aus dem puren Kern auf das antworten, was tatsächlich geschieht, oder ob bereits eine innere Struktur die Reaktion übernommen hat.

 

Der Leere mutig zugewandt.

Sandra Maitri empfiehlt, sich gerade den Leerstellen zu überlassen, die wir gewöhnlich vermeiden. Wenn wir uns dem so gefürchteten Nichts stellen, das wir alle mehr als deutlich in uns spüren, kann sich genau dort ein Zugang zu dem öffnen, was wir verloren geglaubt haben.

In dieser Hinwendung entsteht ein mutiges Zulassen dessen, was bereits da ist. Dieser Punkt ist zentral: Wir müssen die Essenz nicht herstellen oder erreichen, sondern eher die Bedingungen erkennen, unter denen sie verdeckt wird. Was wir gewöhnlich als Arbeit an uns selbst verstehen, ist in diesem Sinn weniger ein Hinzufügen und Entfalten als ein Loslassen von Verengungen, die den unmittelbaren Kontakt überlagern.

 

Erst in diesem Zulassen kann sich der Kontakt zur Essenz wieder herstellen. Einer Essenz, die immer schon da war. Denn sie ist nichts, das außerhalb unserer Erfahrung liegt oder erst entwickelt werden müsste. Sie ist die lebendige Qualität des Seins selbst, welches durch uns zum Ausdruck gebracht werden will und kann; jedoch im Geflecht aus Identifikationen, Gewohnheiten und Selbstbildern nicht mehr unmittelbar zum Wirken kommt.

In dem Moment, in dem wir uns den gefürchteten Leerstellen mutig zuwenden, hören wir auf, sie vorschnell zu füllen. Genau dort, wo zuvor nur Kompensation war, erblicken wir einen Zugang: Das, was wir bislang über Persönlichkeitsmerkmale imitiert haben, wird in seiner ursprünglichen Qualität zugänglich. So kann sich also das, was wir durch die Persönlichkeit ersetzt haben, in der Reinheit unserer Essenz erneut zeigen und unmittelbar erfahren werden. Und zwar für jeden Enneatyp auf die jeweils eigene Art.

In diesem Sinn ist das Wiederfinden der Essenz ein Moment des Durchlässigwerdens. Das Sein lässt sich hier ohne Verzerrung erfahren und findet durch uns seinen unverfälschten Ausdruck.

Kontakt zur unmittelbaren Erfahrung.

Genau das ist es auch, was wir hinter der Idee der Spontanität finden. Unser Ausdruck wird unmittelbar, wenn er nicht mehr durch die gewohnte Struktur der Persönlichkeit gefiltert werden muss, sondern aus dem direkten Kontakt mit der Essenz heraus entstehen kann. Spontanität ist in diesem Verständnis kein Tun aus dem Impuls heraus, sondern das natürliche Aufscheinen dessen, was wir sind, wenn wir uns nicht mehr zwischen uns und unser Erleben stellen.

Deshalb dürfen wir Spontanität als Möglichkeit auffassen, in jedem Moment aufs Neue frei entscheiden zu können. Dabei greifen wir nicht nach Erfahrungen, Identifikationen und Selbstbildern, die unser historisch gewachsenes Ich geprägt haben, sondern nach dem unmittelbaren Kontakt mit dem, was jetzt tatsächlich ist. Wir müssen uns nicht länger auf das beziehen, was wir gestern waren, um zu wissen, wie wir heute sein sollen. Jeder Moment eröffnet die Möglichkeit, neu wahrzunehmen, neu zu antworten und aus dieser Wahrnehmung heraus zu entscheiden. In diesem Sinn bedeutet Spontanität, uns nicht von unserer Geschichte bestimmen zu lassen, sondern uns immer wieder ganz frei für das zu öffnen, was in diesem Augenblick durch uns zum Ausdruck kommen möchte.

marta.