Ich möchte in diesem Beitrag versuchen, verschiedene Ebenen der gleichen Sache zusammenzubringen. Die zugrunde liegenden Zusammenhänge sind vielleicht eher intuitiv zu erfassen, als kognitiv. Daher wird das Gefühl die tragende Instanz für diese Erkenntnisse sein.
Zu Beginn unseres Lebens auf Erden, kommen wir mit großer Hoffnung und noch größerer Absicht. Gewappnet mit allem, was es für diesen durch uns verkörperten Aspekt des Seins braucht. Wie die Saat des Baumes in sich trägt, welchen Duft seine Blüten und welche Form seine Früchte annehmen werden, sind auch wir von vornherein bis ins letzte Detail für unsere Bestimmung ausgestattet.
Nun wäre es ein leichtes zu behaupten, dass diese perfekten Anlagen durch Einflüsse der Umstände und durch prägende Beziehungen verbogen und schlimmstenfalls verdunkelt werden. In manchen Fällen mehr. In anderen weniger. Denn wir leben immerhin in einer Zeit, die sich sehr stark mit Optimierung befasst. Und wo es der Optimierung bedarf, muss es zuvor einen Fehler gegeben haben, einen Mangel. Oder zumindest eine Unzulänglichkeit. Wir sind nicht selten der Ansicht, wir müssten noch weiter wachsen, uns bessern, mehr wissen, weniger leiden. Irgendetwas verbesserungswürdiges findet sich immer.
Manche von uns gehen dafür primär in den Angriff gegen sich selbst, andere bevorzugen die Bekämpfung im Außen. Wie dem auch sei, einen großen Teil des Daseins verbingen viele von uns im Kampf. Welches Vorzeichen sie ihrem Ideal auch geben wollen (denn eine gute Absicht in der Verklärung können wir durchaus einbinden, je nach dem, wie uns der Sinn gerade steht), es muss mit mehr oder weniger Druck und Gewalt etwas verändert werden.
Abstand zu den Prägenden Personen der Kindheit, oder offener Angriff durch subtile Handlungen. Wer genau hinsieht, erkennt leicht die Strafe, die (aus der eigenen Perspektive in guter Absicht bzw. mit Fug und Recht) ausgeteilt wird.
Doch wollen wir mal annehmen, dass das Sein in seiner Komplexität an so vielen Stellen unfassbare Wunder vollbringt (z.B. physikalische Feinheiten hervorbringt, die unter nur geringsten Abweichungen zum sofortigen Kollaps des Kosmos führen würden), dass es schließlich auch bei der Platzierung eines menschlichen Wesens im Schoße einer bestimmten Familie und Umgebung seine Perfektion walten lässt.
Nun kann ich aber nicht behaupten, dass die essenzielle Kraft im menschlichen Sein nicht im Laufe des Lebens doch an einigen Stellen überlagert wird. Die Rückmeldungen unserer Umgebung dressieren uns auf eine gewisse Weise was nicht selten zu korrumpiertem Verhalten führt. Wir lernen (von gleichfalls korrumpierten Wesen), welches Verhalten erwünscht ist, welches nicht. Manchmal fügen wir uns diesen Vorgaben, manchmal gehen wir in den Widerstand und verhalten uns möglichst gegensätzlich der Erwartungen. In beiden Fällen sind wir gewissermaßen unfrei, auch wenn es sich im widerständigen Aspekt erstmal anders darstellt.
Nehmen wir also an, dass wir perfekt ausgestattet kommen, in eine Familie und Umgebung, die für den von uns verkörperten Aspekt des Seins die optimalen Bedingungen schafft und in diesem Kontext entsprechend gewollte oder zumindest sinnhaft eingebundene Erfahrungen machen, die unseren Kern als Erfahrungsschatz, Prägung und Charakterformung umhüllen. Und lassen das einmal kurz stehen.
Und dann wollen wir einmal kurz schauen, wozu das führt. Ob du dich jetzt auf die Idee der zugrundeliegenden Perfektion schon einlassen kannst oder nicht, können wir uns vielleicht schon jetzt darauf einigen, dass wir unter gewissen Umständen lernen uns auf bestimmte Arten zu geben. Manchmal über Phasen hinweg ganz unkritisch und absolut identifiziert mit dem, was wir tun und wie wir denken und fühlen. Je älter wir werden wird es einerseits schwerer, diese Veränderungen abzuschütteln, weil wir schon mehr als zigfach die gleichen Storys über uns erzählt haben. Die Wiederholung im Erzählten ist wie ein wiederholtes Erleben. Wir sind Die oder Der. Haben schon so fantastische/schmerzhafte/kluge/dümmliche/erstaunliche/peinliche (…) Dinge getan. Manchmal lachen wir darüber, manchmal überlassen wir uns in einem alten Schmerz und haben also im Laufe der Zeit immer wieder Gelegenheit, mehr oder weniger öffentlich, zu vertiefen, wer wir annehmen (geworden) zu sein. Und das kann man auch auf einer oberflächlichen Ebene absolut gelten lassen. Ich bist so, und das ist gut so.
Bis dann aber unvermeidlich im Leben der Punkt kommt, an dem uns wiederholt klar wird, dass etwas nicht mehr stimmig ist. Vielleicht langweilen uns die alten Stories und wir verlieren die Freude daran, wieder und wieder die gleichen Shows abzuziehen. Insgesamt ist etwas nicht mehr beim Alten, obwohl sich eigentlich nichts verändert hat.
Und das ist ungefähr die Zeit, in der wir die Gelegenheit bekommen, uns quasi von außen zu betrachten, obwohl wir eigentlich unverstellt aus dem Inneren blicken. Wir kommen in Berührung mit dem, was unseren Kern umgibt. All diese Erlebnisse, die wir zu uns gemacht haben, versperren den Blick auf unsere Essenz. Und jetzt erkennen wir das allmählich. Dieser Prozess kann eine Weile brauchen. Aber wann immer wir gegen unseren eigentlichen Impuls handeln (im Guten wie im Schlechten), wann immer wir in einer Rolle verbleiben (die ausgedient hat) oder wann immer wir das Gefühl haben, auf der Stelle zu treten (und egal mit welchem Einsatz nicht weiterkommen), berühren wir meist genau jene Schichten, die sich um unseren eigentlichen Kern gelegt haben. Dieses Mal kommt die Rückmeldung nicht mehr nur von Außen. Nicht mehr nur aus vermeintlichen Abhängigkeitsbeziehungen. Dieses Mal kommt sie von Innen. Aus unserer Essenz heraus.
Und dann erkennen wir, dass wir nicht misstrauisch sein müssen mit den Menschen und Umständen um uns herum. Sondern mit der Maske, die wir aufgesetzt haben. Dieser eine Anteil in uns, der hervorragend anpassungsfähig ist, der uns so leicht (oder kampfbereit) durch das Leben trug, er ist es, den wir jetzt mit Umsicht konfrontieren können.
Wenn es irgendetwas gibt, was wir fürchten dürfen, dann ist es die Maskierung durch Anpassung. Ich meine damit nicht nur die People Pleaser:innen sondern auch alle, die aufgrund von Erfahrungen gelernt haben, sich hinter anderen verletzend abgrenzenden Maßnahmen zu verstecken. Denn von allen Anteilen, die wir in uns tragen, ist dieser Aspekt vielleicht der verletzteste und daher auch nicht selten am radikalsten bereite Anteil, uns an die Umstände und damit verbundenen Ängste zu verkaufen. Er ist es, der sich verbiegen wird, um sich fügsam oder unangemessen wehrhaft zu zeigen. Und er ist es, der den Wert unserer Essenz unter Wert feilbietet.
Und damit es an dieser Stelle keine Missverständnisse gibt: Auch das ist erstmal okay. Wir erkennen das. Wir betrauern es vielleicht ein bisschen. Aber wir gehen darüber nicht in Gericht mit uns! Oder jenen, denen wir vielleicht für gewöhnlich die Schuld gegeben haben.
In Die Schwellenzeit ist vorüber. beschreibe ich den Zustand, an den wir gelangen, wenn die alten Identifikationen zu brüchig geworden sind, um uns weiterhin Halt zu geben, wir aber zugleich noch lernen müssen, dem unbekleideten Wesen unter all den Rollen wirklich zu begegnen. Denn das ist die Herausforderung, welcher wir uns gegenwärtig gegenüber sehen.
In zahlreichen Meditationstraditionen wird angestrebt, das begrenzte Ich zu transzendieren um in der Ganzheit des Seins, in die formlose Leere einzugehen. In jene Leere, aus der alles hervorgeht. Doch wie schwer ist es in einer Kultur, in der das Ich so bedeutsam ist? Ein Ich, so reich behangen mit Zertifikaten, guten Vorsätzen, Connections und Bedeutsamkeiten allerlei Art. Wir tun so vieles, um gute Menschen, Mütter, Väter, Mitarbeitende oder Menschenretter:innen zu sein. Es erscheint uns unmöglich, all das aufzugeben, ohne das Gefühl zu bekommen, dabei wörtlich ums Leben zu kommen.
Doch schauen wir mal genauer hin. Welche Attribute sind es, die uns wichtig sind? Welche Werte sind es, ohne die uns ein Leben völlig widersinnig erschiene? Welche Erlebnisse in der Vergangenheit oder Zukunft tragen uns durch schwere Zeiten? Welche Hoffnungen und Stärken machen uns den Bauch ganz warm und wohlig? Wer wären wir, wenn wir alles dies fahren ließen?
Wenn wir kein Vater mehr sind, keine Tochter, keine Managerin, kein fürsorglicher Freund und keine aufopferungsvolle Selbstdarstellerin? Wenn wir uns nicht mehr mit schönen Kleider, freundlichem Lächeln oder selbstlosen Taten mehr schmücken könnten? Wenn wir schließlich auch noch aufgeben müssten, ein:e spirituell Suchende:r zu sein!? Wenn von allem, was uns lieb uns teuer ist, nichts mehr bliebe? Was hätten wir dann? Was für das Ego wie die endgültige Auflösung in die Bedeutungslosigkeit anmutet, ist für die pure Essenz eine Befreiung in die Heiligkeit.
Schälen wir Verhüllung um Verhüllung von unserem wahren Kern, bleibt nicht Nichts. Sondern Alles. Wenn wir uns rein gedanklich darauf einlassen, zieht das Gefühl bald nach. Was zuerst wie Beklemmung wirkt, ist plötzlich eine freudvolle Befreiung. Wie begrenzt erleben wir uns doch, wenn wir uns nur auf das Sichtbare beschränken. Auf das Beweisbare. Wie unermesslich groß werden wird, wenn wir die vermeintlichen Erfahrungsschätze als solche ehren, aber uns nicht zu ihnen machen. Wenn wir unser Sein bezeugen, statt es sortiert konservieren und stets mit Begriffen bekleiden zu wollen. Es gibt Dinge, für die finden wir keine Worte.
Ein warmes Gefühl breitet sich aus, wenn wir uns erlauben, nicht mehr oder weniger sein zu müssen, als wir sind. Irritation wohl auch. Aber eine lebensbejahende. Mit den Augen der Kinder blicken wir, wenn wir uns letztlich einlassen auf das, was ist.
Nicht unsere Eigenheiten machen unsere Individualität aus. Unteilbar sind wir nicht in dem, was uns unterscheidet. Heil und Ganz sind wir dort, wo wir die Abgrenzung durch Erfahrung und Prägung, Charakter und Ich-Gefühl im engeren Sinne nicht mehr brauchen.
Und vielleicht erkennen wir dann auch die eigentliche Gnade unserer Umstände. Denn all das, was uns im Leben begegnet, schafft letztlich die Voraussetzung dafür, unserem Kern irgendwann ganz unverstellt zu begegnen. Jede Erfahrung, die sich wie eine unangenehme Wiederholung darbietet, jede Begegnung, die uns erneut an alte Grenzen führt, jede Schwelle, an der wir scheinbar festhängen, ist zugleich eine Einladung, unserem Selbst gewahr zu werden. Nicht dem Bild von uns, oder der Geschichte, die wir zu erzählen hätten. Sondern jener puren Energie darunter.
So ist auch das Verweilen im Schwellenraum ein Aufenthalt im heiligen Raum, in dem wir der Freiheit begegnen. Und wann immer wir bereit sind, diesen Raum zu durchqueren, steht es uns frei, dies zu tun. Ist das Vergangene in seiner Anziehung auf uns noch zu stark, dürfen wir in Liebe die notwendigen Erfahrungen machen, bis uns die Rückkehr auf das Wesentliche nicht mehr schwerfällt. Denn dann legen wir mit Freude die Begrenzung ab und erleben die glückselige Anbindung an die Quelle.



