Die Schwellenzeit ist vorüber.

Die Schwellenzeit ist vorrüber.

Wenn man sich erst eine gewisse Zeit außerhalb des gewohnten Bezugssystems aufhält, verschieben sich zusehends die Fixpunkte. Bis sie schließlich ihre Bedeutung für die Gegenwart verlieren.

Du musst dir das zunächst so vorstellen: Du lebst über viele Jahre hinweg in einem Kreis. Wie eine große Kreidezeichnung am Boden. Riesig und lebendig um dein ganzes Leben herum gezogen. Und du bist ganz okay damit. Du hinterfragst es zu keinem Zeitpunkt. Immerhin: Alle deine Freunde und Freundinnen triffst du dort. Du bist da aufgewachsen, hast da gelernt zu sprechen, zu laufen. Der Kreis ist irgendwann auch so groß, dass darin viele andere Kreise ihren Platz finden. Manche überlappen sich oder liegen einfach extrem nahe beieinander. Andere liegen sehr weit entfernt.

Im Laufe des Lebens wird in deiner Bubble sogar noch Platz gemacht für kleine Bläschen. Das können dann die verschiedenen Stätten der Ausbildung oder Arbeit sein. Vielleicht Hobbys, Freundeskreise oder anderweitige Felder, in denen du gewisse Rollen einnimmst. Ganz bunt, wie es dir entspricht. Oder Monochrom, wenn das eher zu dir passt. Du hast über die Jahre hinweg sehr sehr viele Anker gesetzt. Du hast zahlreiche Erfahrungen gesammelt, die dir innerhalb deines Systems Fixpunkte bieten. Sie schenken dir das wohlige Gefühl der Vertrautheit und Sicherheit. Und ja, okay. Manchmal auch der Unsicherheit, aber in der Regel sind dir auch diese „unsicheren“ Aspekte sehr vertraut und daher bedienen sie das Spektrum des Gewohnten. Denk nur an den alten Schmerz, den du beinahe melancholisch immer wieder zur Hand nimmst, wenn du dich einsam oder gelangweilt fühlst.

Und egal wie schön du es dir in deinem Leben gemacht hast (und das hast du ganz eindeutig!), soll es nicht immer so bleiben. Plötzlich spürst du das Verlangen, deine Kreise zu verlassen. Oder sagen wir lieber, es erscheint die Ahnung, dass es an der Zeit ist, sie verlassen zu müssen. Das zeigt sich anfänglich vielleicht in Beziehungen, die du aufkündigst, oder in anderen Rollenbildern, denen du nicht mehr dienen möchtest. Sei es im Job, in der Familie oder bezogen auf dein eigenes Selbstbild, das dir inzwischen nicht mehr stimmig vorkommt.

Anfangs nimmst du diese Änderungen stückweise vor, ohne den Zusammenhang zu begreifen. Doch dahinter vollzieht sich ein Prozess, der am Ende radikaler wirken wird, als du dir das an diesem Punkt vorstellen kannst. Nicht weil du plötzlich nicht mehr darauf angewiesen bist, dass dein Verstand sich auskennt und (vermeintlich) vorhersehen kann, was du vom Leben und deinen Mitmenschen zu erwarten hast. Ganz im Gegenteil. Dein Verstand, der viele Jahre Zeit hatte, sich im wahrsten Sinne häuslich einzurichten, Mauern zu ziehen und Nippes rings um dein an sich geistiges Wesen zu arrangieren, ist nicht sehr amused, wenn du plötzlich Anstalten machst, die gewohnten Bahnen zu verlassen. Und doch ist da dieses beharrliche Drängen, das du anfänglich vielleicht ignorieren kannst, aber es wird dafür sorgen, dass du es wahrnimmst. Früher oder später.

Der Körper ist in diesem Kontext ein wichtiges Werkzeug. Denn er wird dir zur Not in den metaphorischen Hintern treten. So oft es eben sein muss, bis du diesem Wandlungsdrang deine Aufmerksamkeit schenkst. Natürlich kannst du auch dann noch diese intensiven und zugegeben diffus wirkenden Impulse lange ignorieren. Doch es ist uns gegeben, diesem Ruf nicht dauerhaft widerstehen zu können. Zumindest nicht, wenn uns an guter Gesundheit und bester Laune gelegen ist. Wenn der Zeitpunkt dann endlich naht, werden die wenigsten von uns direkt ihr Held:innen Cape anziehen und ausrufen: Endlich. Hier bin ich! Siehe Welt, ich gehe nun neue Wege.

Voll Sehnsucht für das Neue.

Denn die vertrauten Systeme üben massive Anziehung auf uns aus und so sind wir noch lange hin und her gerissen. Doch mit dem noch halbwegs gut zu ignorierenden Ruf wird irgendwann auch die Bubble zunehmend kleiner. Irgendwann drückt sie uns ungeachtet der massiven Gegenwehr quasi Stück für Stück nach außen. Und ohne dass wir diesen Prozess bewusst beobachten, stellen wir irgendwann fest, dass wir bereits an den äußersten Rand gedrängt stehen. Only God knows wie lange schon! Weit genug abseits, um nicht mehr im gewohnten Feld auf die alte Art agieren zu können, aber doch noch nah genug dran, um wenigstens auf das Vertraute gelegentlich zu blicken. Zerrissen im Betrauern des Vergangenen und voll Sehnsucht für das Neue, noch Ungewordene. Du und Dein Verstand. Ganz allein auf euch gestellt.

Man könnte meinen, die Sonne geht jetzt langsam auf, strahlt ihr Licht an Stellen, die viel zu lange verstellt waren von all dem Unrat, der sich über die Jahre um uns herum angesammelt hat. Angesichts des puren Potenzials, das sich uns in dieser neu erblickten Leere bietet. Doch weit gefehlt.

Du hast deine Handynummer behalten und bekommst immer wieder zugespielt, wie unsicher es ist, was du dort tust. Manche zollen dir Bewunderung, machen dir aber durch Sätze wie: „Ich könnte das nicht, was du dich da traust!“, indirekt klar, dass es geradezu dem Wahnsinn entspricht, was du da gerade machst. Und was ist es eigentlich, was du da machst? Selbst wenn du versuchst, dich zu erklären, wird klar, dass dein Wortschatz nicht genügt um, zu benennen, was da geschieht.

Und dann denkt ein Teil von dir ja auch: Mist, verdammt, sie haben Recht. Und doch gibt es für dich keinen Weg zurück. Nicht weil du zu stolz bist oder allzu abenteuerlustig. Nee nee, denn dein Verstand ist ja nicht von jetzt auf gleich ein anderer. Er sehnt sich weiterhin nach dem Vertrauten. Er sehnt sich auch nach dem Beklemmenden. Immerhin ist das der süße Klang einer Melodie, die ihn und dich über lange Zeiten durch das Leben trug. Und auch du willst doch einfach nur, dass alles wieder „einfach“ ist.

Also blickst du selbst noch oft genug sehnsüchtig nach hinten. Blickst auf all die vertrauten Aspekte und wünschst dir nicht selten, zurückzufinden in diese Lebensspanne, in der alles so viel leichter gewesen scheint.

Das Formlose in seiner Pracht.

Es kann eine ganze Weile dauern, bis diese Schwellenzeit ebenfalls anfängt, ihr Ende zu offenbaren und dich vorwärts drückt. Denn schon bald hast du wiederholt die Erfahrung gemacht, dass das Beharren des Verstandes darauf, wieder ins Vertraute zurückzukehren, einfach keine Option ist. Egal wie sehr du es dir wünschen magst. Selbst wenn du vielleicht nachgeben möchtest, es gelingt dir einfach nicht. Zu keinem Zeitpunkt. Es ist einfach keine Option. Und in dieser Zerrissenheit stagnierst du eine Weile. Verzögerst den nächsten Schritt. Träumst von einer Zukunft und verhinderst durch den Sog der Vergangenheit die Gegenwart.

Irgendwann musst du einsehen, dass die bekannten Bezugspunkte nicht mehr greifen. Und wenn du dennoch versuchst, sie immer und immer wieder heranzuziehen, um dein Agieren (das dir nicht selten völlig unwirklich vorkommt) einzuordnen, bekommst du zu Recht das Gefühl, den Verstand zu verlieren. Er ist zu sehr angewiesen auf das, was ihm vertraut ist. Und hier ist nichts vertraut. Alles ist… ja was ist es denn? Wie könnte man dieses neu eröffnete Feld beschreiben? Selbst das Attribut Neu könnte nicht ausdrücken, was dich hier erwartet. Denn hier ist alles und hier ist nichts. Du stehst auf der Schwelle zur Leere, welche nicht das Ende von allem abbildet sondern seinen Anfang.

Du begegnest dem Formlosen und musst dich neu kalibrieren. Denn was dich bislang verhältnismäßig sicher getragen hat, ist hier nicht mehr nützlich. Jetzt jedenfalls nicht. Deine einzige Erfahrung an dieser Stelle gleicht einem benommenen Kopfschütteln. Orientierung. Das ist es, was du suchst. Und das tust du anfänglich dort, wo sie bisher immer zu finden war. Im Außen. Im System. Und deiner Stellung zu ihm. Und so lange du das von diesem Scheidepunkt aus tust und in die alten Muster blickst, wirst du schier verzweifeln. Denn die alten Regeln gelten hier nichts. Hier, wo es noch keine Bezugspunkte gibt.

Eine lähmende Freiheit offenbart sich. Du hast dein Leben lang gelernt, dich an Regeln zu halten, mehr oder weniger zu tun, was von dir erwartet wird oder was du für das Richtige gehalten hast. Und plötzlich ist da kein Feedback mehr. Kein Pfad, den andere vor dir gegangen sind. Keine Map, an der du dich orientieren kannst. Und es braucht eine ganze Weile, bis du das begreifst.

So hin und hergerissen ist es ziemlich schwierig, einen klaren Gedanken zu fassen. Und das möchtest du ganz dringend. Irgendwann wirst du akzeptieren müssen, dass diese Gedanken jetzt auf völlig neue Strukturen treffen. Diese sind so übergeordnet, dass dir schließlich nichts anderes übrig bleibt als dort Orientierung zu suchen, wo du letztlich schon immer zu Hause warst. In dir selbst.

Und das wird dich auch nur dann weiterbringen, wenn du es schaffst, dich innerlich genauso frei zu machen, wie es dir äußerlich gegeben ist. Jeder Versuch, an dieser Stelle deine alten inneren Muster automatisiert abzurufen, ist zum Scheitern verurteilt. Du siehst dich schließlich gezwungen, radikal anzunehmen, was ist. Endlich gelingt es dir, langsam die Schönheit des Formlosen zu akzeptieren. Einfach erstmal beizuwohnen, ohne jetzt dringend etwas lösen zu müssen. Dieses Rätsel verlangt nicht nach einer Antwort. Zumindest nicht nach einer, die du mit Worten oder Taten formulieren könntest.

Nur wenn es dir endlich gelingt, dich innerlich ganz frei zu machen, um dieser äußeren Freiheit zu begegnen, beginnt sich das, was zuvor nur als leere Weite erschien, auf eine neue Weise zu ordnen. Du lernst es auszuhalten, dass das Alte seine Gültigkeit verloren hat und das Neue noch keine Formen angenommen hat. Dieser Übergang, der dir lange so lästig vorgekommen ist, wird jetzt zu einem Meilenstein, den du feierlich erreichst, ohne im Bekannten Halt zu suchen. Jetzt akzeptierst du, dass hier nichts festgelegt ist und gibst diesem Formlosen dadurch die Möglichkeit, sich so zu zeigen, wie es dir bestimmt ist. Aus dem Gewohnten kann sich hier nur auf einer übergeordneten Ebene etwas entwickeln, aber nicht so, wie wir es erwarten könnten.

Hier erkennst du nun auch, dass das Alte so gesehen auch nicht zu Ende ist. Es behält seine Gültigkeit jedoch nur insofern, als dass es jetzt in eine neue Form überführt wird. Auch du bist es, die jetzt eine neue Form annimmt, wenn du deiner Bestimmung mit Hingabe folgst. Das Wesentliche, auf das es jetzt ankommt, ist das Vertrauen in dich und das Sein. Denn kognitiv etwas vorwegnehmen ist in diesem Kontext völlig unmöglich. Du betrittst ein Feld, das Regeln folgt, die du bisher höchstens intuitiv erfassen kannst.