Der Weg aus der Oberflächlichkeit.

In Übereinstimmung mit dem Geschauten.

Wenn Erkenntnis nicht gelebt wird.

Nachdem wir die Schwelle betreten haben und beginnen, uns selbst nicht mehr vollständig zu übergehen, zeigt sich eine zweite Bewegung, die noch etwas subtiler ist und tiefer reicht. Wir erkennen irgendwann zwangsläufig, dass Einsicht allein noch keine Wandlung bewirkt.

Wir sehen zwar die Zusammenhänge klarer und erfassen, was stimmig wäre, doch bleibt unser Handeln in vielen Bereichen unverändert. Zwischen dem, was wir erkennen, und dem, was wir leben, entsteht ein Zwischenraum, welcher erfüllt ist mit Rechtfertigungen, Erklärungen und feinen Verschiebungen.

Was wir hier erleben ist eine Form von Täuschung durch Oberflächlichkeit. Es mangelt uns nicht an Wissen und Einsicht,  sondern an der Bereitschaft, das Erkannte vollständig anzuerkennen und zu integrieren.

Die feine Form der Selbsttäuschung.

Diese Täuschung ist schwer zu greifen, weil sie sich im Rahmen eines Prozesses zeigt, der uns das wohlige Gefühl von Weiterentwicklung gibt. Wir fühlen, dass wir einen Schritt weiter gegangen sind. Zumindest innerlich haben wir die ein oder andere Wahrheit geblickt. Wir handeln nachvollziehbar und begründen unsere Entscheidungen. Wir bleiben in dieser Phase sogar anschlussfähig an unser Umfeld. Und doch entsteht eine Differenz.

Wir sprechen von Klarheit, ohne sie umzusetzen und erkennen eine Wahrheit, ohne ihr aber zu folgen. Wir stehen quasi am Rande einer Tiefe, versäumen aber sie zu erreichen. Und so entsteht eine Form von Leben, die nach außen kohärent wirkt, im Inneren jedoch zunehmend an Spannungen gewinnt.

Und gerade in dieser Spannung finden wir einen präzisen Hinweis. Er deutet darauf hin, dass Erkenntnis sehr wohl vorhanden ist, aber noch nicht ausreichend integriert wurde.

Der Reiz des Oberflächlichen.

Diese Oberflächlichkeit ist nicht einfach gleichzusetzen mit Nachlässigkeit, denn sie erfüllt eine trügerische Funktion: Sie schützt uns vor den Konsequenzen, die aus gelebter Erkenntnis entstehen würden.

Denn jede ernst genommene Einsicht erfordert eine neue Ausrichtung. Sie verlangt, dass wir etwas verändern, sei es im Handeln, im Sprechen oder in der Haltung. Und diese Veränderungen sind alles andere als bequem. Sie können Beziehungen infrage stellen, Sicherheiten verschieben und vertraute Selbstbilder auflösen. Sie bedrohen regelrecht alles, was wir im Laufe des Lebens als vermeintliches Sicherheitsnetz konstrutiert haben.

Daher ist es der oberflächliche Umgang mit den Erkenntnissen, welcher diese Strukturen bewahrt. Wir neigen dann dazu, das Erkannte zu relativieren, ohne es vollständig zu leugnen und so entsteht ein Zustand, in dem wir uns zugleich bewusst und unverändert erleben können. Doch ist dieser Zustand (zum Glück?) instabil.

 

Die wachsende innere Spannung.

Je klarer wir beginnen zu sehen, desto mehr verlieren die bisherigen Erklärungen und Ausflüchte an Kraft. Unsere Entscheidungen fühlen sich weniger stimmig an, Gespräche bleiben hinter dem zurück, was möglich wäre und wir spüren eine wachsende Unruhe, die sich nicht mehr vollständig betäuben und verdrängen lässt.

Diese Unruhe erleben wir vielleicht erstmal als ein Problem, doch ist sie ein Zeichen von Präzisierung, denn wir beginnen vermehrt zu unterscheiden. Wir spüren die Spannung zwischen dem, was wir darstellen und dem, was wir wirklich sind. Wir erkennen die Diskrepanz zwischen dem, was wir rechtfertigen und dem, was wir im Grunde wissen. Wir unterscheiden zunehmend zwischen dem, was bequem ist und dem, was langfristig tragfähig ist. Und mit dieser Unterscheidung beginnt sich die tatsächliche innere Klärung.

Alchemie der Wahrnehmung.

In der alchemistischen Betrachtung entspricht diese Phase einem ersten Auflösen. Die feste Form beginnt sich zu lockern und bisherige Strukturen verlieren ihre Selbstverständlichkeit. Damit wir das, was zuvor stabil erschien, durchlässig. In der klassischen Symbolik ist dies ein notwendiger Schritt, damit Wandlung überhaupt möglich wird.

Doch Auflösung allein führt nicht zur ersehnten Transformation. Wenn wir in dieser Phase verharren, ohne eine neue Ausrichtung zuzulassen, entsteht womöglich nichts anderes als Zerstreuung. Wir sehen weiterhin viel, aber wir handeln nicht entsprechend. Die innere Substanz bleibt gewissermaßen ungebunden, das innere, an sich vollkommene System wirkt weiterhin instabil. Deshalb fordert der Weg zu gelebter Weisheit mehr als bloßes Erkennen.

Neue Verbindunge.

Wir stehen nicht mehr zwischen Unwissen und Erkenntnis, sondern zwischen Erkenntnis und Verkörperung. Dieser Schwellenaspekt ist anspruchsvoller, weil wir nicht mehr sagen können, wir hätten es nicht gewusst. Die Ausweichbewegungen bleiben möglich, aber sie sind sichtbar geworden. Wir erkennen sie immer häufiger als das, was sie sind und damit verändert sich unsere Verantwortung. Wir sind nicht mehr nur Beobachtende unseres eigenen Lebens, sondern spüren zunehmend den Sog in die aktive Mitgestaltung. Das bedeutet aber auch, die volle Verantwortung übernehmen und tragen zu müssen.

Innere Ausrichtung statt äußerer Anpassung.

In der östlichen Betrachtung würde man sagen, dass hier die Ausrichtung korrigiert wird. Der Mensch beginnt, sich nicht länger primär an äußeren Erwartungen zu orientieren, sondern an einer inneren Ordnung, die ohnehin schon immer wirksam war. Lediglich überschattet vom äußeren und inneren Lärm.

Diese Ordnung ist geduldig, sie muss sich nicht aufdrängen. Sie bleibt in ihrem fundamental sicheren Selbstverstädnnis auch dann bestehen, wenn wir sie ignorieren. Und selbst, wenn wir sie wiederholt übergehen, verliert sie nicht an Kraft. Wohl aber unser Zugang zu ihr. Als besteht unsere Aufgabe besteht darin, sie einfach wieder zu erblicken. Ihr unser Gehör zu schenken, ohne sie weiterhin zu verfälschen, um sie an die alten Gewohnheiten anzupassen. Das verlangt nicht unbedingt nach Radikalität im Außen, wohl aber nach Präzision im Inneren.

 

Der Übergang zur Integrität.

Die Bewegung aus der Oberflächlichkeit heraus beginnt also nicht mit großen Veränderungen, sondern mit einer Verschiebung im Umgang mit dem, was wir bereits erkannt haben. Wir beginnen, das Gesehene stehen zu lassen, ohne es aus Angst vor Konsequenzen stets zu relativieren. Das kann die innere Spannung zunächst noch erhöhen, aber hier finden wir das Feld, in dem sich Integrität bildet und langfristig die ewig ersehnte Ruhe und Klarheit begünstigt. Diese Integrität führt uns im eigenen Tempo zu einer wachsenden Übereinstimmung zwischen Wahrnehmung und Handlung.

Mit der Zeit verändert sich etwas Grundlegendes: Wir müssen uns seltener vor uns und anderen erklären und beginnen, uns selbst zu entsprechen. Wir müssen dann auch nichts mehr biegen und brechen, um innere Widersprüche auszugleichen.

 

Die Einladung zur Vertiefung.

Diese Phase ist kein Umweg, sondern ein notwendiger Abschnitt auf dem Weg zur Weisheit. Wir erkennen, dass wir nicht noch mehr Wissen ansammeln müssen, sondern „einfach“ das Gewusste annehmen und integrieren sollen, wenn wir die zunehmende innere Spannung auflösen wollen. Für diese Form von Vertiefung tauchen wir also nicht in noch mehr spirituelle Lehren, Erkenntnisse und Informationen ab. Wir erleben sie, wenn wir uns gestatten, in Übereinstimmung mit dem Geschauten zu leben.