Im Schoß der Zeit.

Im Schoß der Zeit.

Die Raunächte sind mehr als eine alte Tradition. Sie sind ein Fenster in die Tiefe unserer Herkunft. In der dunkelsten Zeit des Jahres erleben wir einen Schwebezustand zwischen Altem und Neuem. Diese Nachte und all ihre Bräuche, sind das Erbe einer Zeit, in der Kulturen noch nicht sauber getrennt waren, sondern ein gemeinsames Weltverständnis teilten. Ein Zeit, in der die Ordnung ruht.

Die gewohnte Struktur der Welt galt jetzt als aufgehoben. Was sonst geregelt, geplant und kontrolliert wurde, trat bewusst zurück. Tätigkeiten wie Arbeiten, Weben oder Waschen greifen ordnend in den Lauf der Dinge ein. Sie ziehen Linien, wo gerade Offenheit notwendig war. eine heilige Zeit, in der das Wirken eine besonders stille Qualität annimmt.

Das Mütterfest und seine 12 tägige Feier.

Den Raunächten ist kein einzelner Ursprung zuzuordnen. Sie sind vielmehr das Ergebnis einer Überlagerung mehrerer alter Schichten. Zunächst astronomisch und mythologisch wurden sie erst sehr viel später christlich eingebettet.

Im Kern reicht dieser Brauch weiter zurück als das, was wir heute als germanisch, keltisch oder slawisch bezeichnen. Wir können es vielleicht als Erbe einer Zeit betrachten, in der Kulturen noch nicht sauber getrennt waren, sondern ein gemeinsames Weltverständnis teilten. Ein Erleben von Zeit, das zyklisch, naturgebunden und zutiefst relational gewesen sein mag.

Die Differenz, aus der die Raunächte geboren wurden.

Der wohl älteste Ursprung der Raunächte wird in einem kalendarischen Bruch zu finden sein. Ein Mondjahr umfasst etwa 354 Tage,  während ein Sonnenjahr etwa 365 Tage durchläuft. Dazwischen bleibt eine Differenz von elf Tagen beziehungsweise zwölf Nächten.

Diese Zeit ist nicht eindeutig zuzuordnen und gehört damit weder zum alten noch zum neuen Jahr. Sie ist eine Zeit außerhalb der Zeit.

Schon in frühen Kulturen galten solche Phasen als Schwellenzeiten. Die Ordnung ruht. Das Gewohnte tritt zurück.  Die Grenzen zur Anderswelt werden durchlässig.

So verbleibt uns am Ende des Jahres ab der Wintersonnenwende eine zeitlose Übergangsphase, die nicht dem Tun, sondern dem Empfangen, Lauschen und Erinnern gewidmet werden kann.

Das europäische Motiv.

Der Begriff Raunächte ist ein deutsch-mitteleuropäisches Konzept. Doch das dahinterliegende Motiv findet sich in vielen Regionen Europas. Mit Opfergaben für die Ahnen, bewusst entzündeten Feuern und dem Segnen der Häuser.

Im slawischen Raum etwa kannte man z.B. Szczodre Gody. Eine mehrtägige Mittwinterzeit mit Ahnenritualen, Feuer, Orakeln und Familienmahlzeiten. Und auch im keltischen und mediterranen Raum sind andere Übergangs- und Heiligennächten rund um die Wintersonnenwende bekannt.

Überall begegnet uns dieselbe Qualität. Eine Zeit, in der das Sichtbare zurücktritt und das Unsichtbare spricht. Diese Nächte galten als Orakelzeit. Träume, Zeichen und innere Bilder hatten Gewicht, weil sie nicht als persönlich verstanden wurden, sondern als Stimmen der Linie.

Ein Zeit, in der die Ordnung ruht.

In diesen Tagen wurde nicht gearbeitet und nicht gewaschen, weil Arbeit Ordnung erzwingt und Ordnung sollte in dieser Zeit ruhen. Die gewohnte Struktur der Welt galt jetzt als aufgehoben. Was sonst geregelt, geplant und kontrolliert wurde, trat bewusst zurück. Tätigkeiten wie Arbeiten, Weben oder Waschen greifen ordnend in den Lauf der Dinge ein. Sie ziehen Linien, wo gerade Offenheit notwendig war.

Besonders das Waschen und Aufhängen von Wäsche hatte eine tiefere Bedeutung. Stoffe galten als Träger von Lebensfäden. In einer Zeit, in der die Grenze zwischen den Welten offen war, bestand die Vorstellung, dass sich ungezügelte Kräfte, Ahnen oder die Wilde Jagd darin verfangen oder daran festhalten könnten. Das Risiko war nicht Schmutz, sondern Störung der Übergänge.

Modraneth. Die Mütternacht.

Im germanisch-angelsächsischen Raum begegnet uns ein besonderer Begriff.
Modraneth. Die Nacht der Mütter.

Sie bezeichnet keinen Zeitraum, sondern einen Moment. Die dunkelste Nacht, den innersten Punkt des Winters, den Schoß der Zeit. Eine Spalte, die das gesamte Sein gebährt. Ein tief mütterliches Motiv. Sie bezeichnet keinen Zeitraum, sondern einen präzisen Schwellenmoment.

Die dunkelste Nacht markiert den Punkt, an dem der Sonnenlauf seinen Tiefstand erreicht und zugleich wendet. Ein kosmischer Stillstand, in dem Bewegung und Richtung kurz aufgehoben sind.

In vielen frühen Kulturen wurde dieser Moment als Schoß der Zeit verstanden. Ein Zustand, in dem das Alte nicht mehr wirkt und das Neue noch nicht sichtbar ist.

Diese Spalte ist kein poetisches Bild, sondern die Erfahrung eines realen Übergangs, in dem Ordnung ruht und die Grundlagen des Lebens neu ausgerichtet werden. Dass dieser Moment als mütterlich verstanden wurde, folgt einer klaren Logik. Er trägt, schützt und ermöglicht Geburt, ohne selbst zu handeln oder zu bestimmen.

Modraneth, die Mütternacht, ist der Augenblick, in dem das Alte stirbt, das Neue noch nicht geboren ist und doch bereits getragen wird.

Ein zutiefst mütterliches Prinzip: halten, ohne zu greifen. Gebären, ohne zu drängen.

Das Gefäß des Moments.

In den Raunächten tritt die Rune Othala bzw. Odal in den Blick.

Sie bedeutet: „Das, was mir durch Herkunft gehört.“

In ihrer Tiefe beschreibt sie kein Eigentum im modernen Sinn oder richtet sich auf Besitzansprüche. Vielmehr bezeichnet sie Zugehörigkeit durch Abstammung, Verantwortung gegenüber dem Weitergegebenen und den Raum, der uns trägt, bevor wir selbst wählen können.

Sie ist die Rune der Ahnenlinie, der Mütter- und Väterhäuser und des weitergegebenen Raumes. Modraneth, die dunkelste Nacht, der innere Punkt des Winters, lässt das Individuum zurücktreten und die Sippe, die Linie, die Herkunft sprechen. Träume und Erinnerungen wirken nicht mehr rein persönlich, sondern transgenerational. Was sich in diesen Nächten zeigt, gehört oft nicht nur uns selbst, sondern will erlöst oder bewusst weitergetragen werden.

Rückbindung an den Ursprung.

In diesen Nächten zeigt sich die Rückbindung an den Ursprung, unsere Ahnen stehen für Schutz und Verantwortung. Unser zu Hause ist längst nicht mehr nur ein Ort, sondern ein spirituelles Zentrum. Der Winter ist kein leerer Stillstand, sondern ein Moment der Einkehr und Neuausrichtung.

Die Raunächte erinnern uns daran, dass wir keine isolierten Wesen sind. Wir sind Durchgangsräume. Selbst Häuser aus Zeit, einer langen Linie zugehörig.

Immer mehr Menschen finden wieder Zugang zu der besonderen Qualität dieser heiligen Zeit. Wir lösen uns aus der linearen Zeit, um uns dann wieder einzuordnen. Dann nicht mehr nur als Einzelne, sondern als Teil eines größeren Ganzen.