Die Würde des Maßes.

Die Würde des Maßes.

Eine Rückkehr zur Bescheidenheit.

Ich stolpere über den Begriff der Bescheidenheit und muss es genauer wissen. Denn was ich darunter verstehe, passt nicht zu den Worten, die ich darin lesen kann. Wenn ich damit herumspiele, komme ich auf „mir ist etwas beschieden“. Es könnte also um das gehen, was ich bekomme. Sind wir demnach bescheiden, wenn wir mit dem zufrieden sind, was wir erhalten bzw. vorfinden?

Zugleich schwingt für mich noch etwas anderes mit. Etwas Zurückhaltendes. Nicht anzunehmen, was einem geboten wird. Ein Lob abzulehnen oder vielleicht sogar eine Möglichkeit, weil man ja bescheiden ist. Fast so, als müsse man sich kleiner machen, um diesem Begriff gerecht zu werden.

Wir leben immerhin auch längst in einer Welt, in der Bescheidenheit nicht mehr selbstverständlich als Tugend aufgefasst wird. Wir sollen sichtbar sein, laut und präsent. Uns zeigen, uns behaupten, und ganz wichtig: uns verwirklichen. Das bewusste Zurücktreten wirkt dann schon beinahe verdächtig, fast wie eine Schwäche. Das alte Bild von Bescheidenheit scheint nicht mehr recht zu passen und doch verschwindet der Begriff nicht.

Ich zögere erneut. Denn wenn Bescheidenheit bedeutet, sich selbst zurückzunehmen, widerspricht sie dann nicht dem Anspruch, gestalten zu dürfen? Und wenn Bescheidenheit bedeutet, sich selbst zurückzunehmen, was geschieht dann mit unserer Würde? Wo verläuft die Grenze zwischen gesunder Selbstkenntnis und unnötiger Selbstverkleinerung?

Vermutlich berührt mich dieser Begriff genau deshalb so sehr, weil er zwischen diesen zwei Polen steht. Nämlich zwischen Selbstermächtigung und Selbstverkleinerung. Was geschieht hier mit dem Anspruch, gestalten zu dürfen, wenn wir nur annehmen sollen, was uns gegeben wird? Und wie viel Gestaltungskraft dürfen wir uns zuschreiben, ohne uns dabei selbst zu überhöhen? Und wo würden wir unsere eigene Würde untergraben? Möglich wäre es doch in beiden Fälle, sei es durch Übermaß oder durch unnötige Selbstbegrenzung.

Um dieser Spannung auf den Grund zu gehen, lohnt sich der Blick auf die Sprachspur selbst. Denn „mir ist etwas beschieden“ verweist tatsächlich auf das alte zuteilen, bestimmen, verfügen. Hier wird uns etwas beschieden, es wird uns zugeteilt. Doch ursprünglich ging es weniger um das passive Annehmen dessen, was man erhält, als um die Fähigkeit zu unterscheiden und dadurch das rechte Maß zu erkennen.

Etymologie der Bescheidenheit.

Bescheidenheit geht zurück auf das Verb bescheiden und hat eine deutlich andere ursprüngliche Bedeutung, als wir heute spontan vermuten. Die Grundbedeutung lautet trennen, unterscheiden, zuteilen, bestimmen, entscheiden und ist damit eng verwandt mit scheiden (trennen), Entscheidung und Unterscheidung.

Im Mittelalter fand Bescheidenheit ihre Entsprechung also nicht in Demut, sondern in Urteilsfähigkeit. Unterschiede auszumachen, klug abzuwägen bzw. etwas richtig einschätzen zu können. Eine bescheidene Person war also ursprünglich jemand mit Unterscheidungsvermögen. Sie besaß Fähigkeit zur Differenzierung und konnte vernünftig Maßhalten dank Einsicht.

Erst etwa ab der frühen Neuzeit verschob sich die Bedeutung. Aus fähig zu unterscheiden wurde verstärkt so etwas wie die eigenen Grenzen kennen. Und daraus entwickelte sich schließlich das, was wir heute darunter verstehen: sich nicht überheben, keinen Anspruch auf Übermaß erheben und sich selbst nicht in den Vordergrund stellen.

Der moralische Klang von Bescheidenheit ist also eine spätere Entwicklung. Der ursprüngliche Kern war kognitiv und bewusstseinsbezogen und damit nicht moralisch.

Philosophische Dimension der Bescheidenheit.

Wenn wir mit diesem Wissen zur Wurzel zurückgehen, bedeutet Bescheidenheit (anders als vermutet) nicht Selbstverleugnung. Sie drückt aus, dass wir durch Unterscheidung zu Selbsterkenntnis gelangen. Eine bescheidene Person kann sich selbst richtig einschätzen, indem sie Maß und Grenze erkennt und nicht aus Hybris* handelt, sondern sich ihrer Position im Gefüge bewusst ist.

In dieser Tiefe ist Bescheidenheit kein Mangel an Größe, sondern eine Form von Bewusstheit. Sie entsteht nicht aus Zurückhaltung, sondern aus einer Klarheit über die eigenen Kräfte und Grenzen. Wenn wir das eigene Maß kennen, müssen wir uns weder aufblasen noch kleinmachen. Wir stehen dann schlicht in einem stimmigen Verhältnis zwischen uns selbst und dem Ganzen.

*Maßverlust durch Selbstüberhöhung.

Hybris (griechisch ὕβρις) bezeichnet im antiken Griechenland nicht bloß Arroganz, sondern eine maßlose Selbstüberhebung, die gegen die göttliche oder kosmische Ordnung verstößt.

Der Begriff stammt aus dem Altgriechischen und bedeutete ursprünglich:

  • Übermut
  • Gewalttätige Grenzüberschreitung
  • Anmaßung
  • Selbstvergottung

Es geht dabei nicht nur um ein inneres Gefühl, sondern um ein Verhalten, das die natürliche Ordnung missachtet. Hybris ist kein Ausdruck von Selbstvertrauen, sondern die Verweigerung der Grenze. Hybris entsteht dort, wo das Ich sich selbst zum Maß aller Dinge erklärt.

Und wie schnell geraten wir in diese Versuchung, wenn uns wie heute ständig nahegelegt wird, wir müssten nur stark genug wollen, klar genug denken oder hoch genug schwingen, um jede Wirklichkeit nach unseren Vorstellungen zu formen?

Was als Ermutigung zur Selbstwirksamkeit beginnt, kann unmerklich in einen Anspruch kippen: dass alles machbar, alles erreichbar, alles kontrollierbar sei. Doch wenn Gestaltung zur Pflicht wird und Grenzen nur noch als mentale Blockaden gelten, verliert das Ich das Gespür für das Maß und damit auch das Gespür für das Gefüge, in dem es selbst steht.

Schöpferische Mitwirkung.

Hier liegt eine feine, aber entscheidende Spannung. Die Fähigkeit zur Manifestation, im Sinne schöpferischer Mitwirkung am eigenen Leben, steht nicht grundsätzlich im Widerspruch zur Bescheidenheit. Im Gegenteil: Bewusstes Ausrichten von Gedanken, Haltung und Handlung kann zutiefst konstruktiv sein. Problematisch wird es dort, wo Manifestation in einen subtilen Allmachtsanspruch kippt. Wenn suggeriert wird, alles sei ausschließlich Produkt des eigenen Willens. Wenn jedes Scheitern als persönliches Versagen gilt. Wenn das Ich glaubt, durch reine Setzung Realität erzwingen zu können.

Vorsicht, hier schleicht sich die verführerische Hybris ein. In ihr heben wir uns empor, so weit nach Oben, dass wir glauben, über der höheren Ordnung zu stehen. Wir vergessen, dass es übergeordnete Zusammenhänge mit komplexen Wechselwirkungen gibt. Wir denken, dass das Ich nur „hoch genug schwingen“ müsse, um jede Bedingung zu überwinden. Doch wo Maß verloren geht, folgt oft Korrektur. Als Ausgleich wohl, nicht als Strafe. Und doch bleibt sie nicht ohne Enttäuschung. Überforderung oder innere Leere können dann die Folge sein, wenn die Realität sich nicht dem eigenen Anspruch beugt. Egal wie verzweifelt wir an ihr (oder uns) ziehen und zerren.

Bescheidenheit erinnert uns an etwas sehr Nüchternes und Kraftvolles zugleich. Wir sind schöpferisch und wirksam, aber nicht der alleinige Ursprung aller Bedingungen. Wir können uns ausrichten, Leben gestalten und Bewegung initiieren. Doch wir stehen in einem hoch komplexen Gefüge, das auf jede unserer Regungen eine Antwort zu geben vermag.

Die Rückkehr zur ursprünglichen Bedeutung.

Wenn Bescheidenheit bedeutet, unterscheiden zu können, befähigt sie uns zu differenziertem Agieren zwischen Einfluss und Kontrolle bzw. zwischen gesunder Selbstermächtigung und Überhöhung. Erst in dem wir Klarheit über unsere eigene Position im Ganzen erlangen, können wir unser eigenes Maß erkennen.

Bescheidenheit ist damit weniger die Frage, ob wir mit dem zufrieden sind, was uns beschieden ist. Sondern vielmehr die Fähigkeit, zu unterscheiden, was uns tatsächlich obliegt und was nicht. Zu erkennen, wo unsere Gestaltungskraft beginnt und wo sie endet.

Die Begrenzung unserer Würde zeigt sich dann nicht im Scheitern eines Traumes, wenn ein Vorhaben misslingt oder eine Vision sich anders entfaltet als erhofft. Denn Würde wird nicht kleiner durch Erfahrung, Irrtum oder Korrektur. Sie wird auch nicht gemindert, wenn die Realität sich komplexer erweist als unser Wunsch.

Eine wirkliche Begrenzung unserer Würde beginnt vielleicht dort, wo das Unterscheidungsvermögen aufgegeben wird. Dort, wo das Ich sich absolut setzt und nicht mehr zwischen Mitgestaltung und Beherrschung unterscheiden will.

Und gerade das war der ursprüngliche Kern der Bescheidenheit: unterscheiden können. Das Eigene vom Nicht-Eigenen trennen und den eigenen Wirkraum erkennen, ohne ihn zu überschätzen.

Bescheidenheit schützt die Würde, weil sie sie verortet. Sie bewahrt uns davor, unsere Menschlichkeit entweder zu verkleinern oder zu überhöhen. Sie schenkt uns Bewusstheit für das gesamte Gefüge.

Vielleicht liegt darin ihre Aktualität, in einer Zeit, die uns zur unbegrenzten Selbsterschaffung ermutigt. Heute erinnert uns Bescheidenheit daran, dass wahre Größe nicht in der grenzenlosen Anspruchshaltung liegt, sondern in der Fähigkeit, das Eigene anzunehmen, ohne das Ganze aus dem Blick zu verlieren.